Foto von Dr. Ulrike Mascher

Perspektivenvielfalt: ein Workshop zwischen Kunst, Wissenschaft und Lehre

Dr. Ulrike Mascher / Wissenschaftliche Mitarbeiterin

In diesem Sommersemester fand ein Workshop der besonderen Art statt, bei dem Kunst, Wissenschaft und Lehre in einen fruchtbaren Austausch traten: Gemeinsam luden das Museum Giersch der Goethe-Universität (MGGU), das Center for Critical Computational Studies (C3S) und studiumdigitale Studierende dazu ein, sich kritisch mit dem „Multispezies Members Club“ auseinanderzusetzen.

Die gleichnamige Ausstellung im MGGU thematisiert neue Allianzen zwischen lebendigen und künstlichen Systemen und fragt nach den Bedingungen für Teilhabe, Kooperation und Fürsorge in einer zunehmend technologisierten Gesellschaft. Dabei treten vielfältige künstlerische Perspektiven auf Künstliche Intelligenz, Ökologie und gesellschaftliche Verantwortung mit wissenschaftlichen Stimmen der Goethe-Universität aus KI-Forschung, Bioinformatik, Kunstpädagogik, Anthropologie sowie Erziehungs-, Kultur- und Literaturwissenschaften in einen spannenden Dialog.

Unter dem Titel „Prompting & Reality Labs – Allianzen erproben“ ging es für die Lehramtsstudierenden an drei Stationen um das Ausloten von Beziehungen – der Beziehung zwischen Mensch und Natur, um Mensch-Maschine-Beziehungen und um neue Formen der Teilhabe von nichtmenschlichen Akteuren. Die Ausstellung versteht sich zudem als gelebtes Experiment und so hatte auch der Workshop experimentellen Charakter, bei dem das eigene Erleben der rund 30 Studierenden an drei Stationen im Zentrum stand.

Dr. Tim Pickartz erklärt die Idee des „Convivial Commens Congress“ vom Z/KU Berlin.
Dr. Tim Pickartz erklärt die Idee des „Convivial Commens Congress“.

Individuelle Erfahrungen aus Studium und Leben

An der Station, die von Dr. Heiko Haas, Cristina Diz Muñoz (Institut für Pädagogik der Sekundarstufe) betreut wurde, ging es darum, die Inhalte der Ausstellung zu reflektieren und mit den eigenen lebensweltlichen Erfahrungen in Verbindung zu setzen. Die Studierenden des Seminars „Rassismuskritische und planetarische Forschungsperspektiven auf Logiken schulischer Segregation“ von Cristina Diz Muñoz schilderten in einer geleiteten Gruppendiskussion ihre persönliche Allianzen mit sog. Künstlicher Intelligenz (KI) im Studium wie auch im Privaten. Hierbei wurden insbesondere die große Ambivalenz zwischen faszinierenden Anwendungsmöglichkeiten von KI und der großen Hilfe beim Studium einerseits, andererseits aber auch die negativen Aspekte der Nutzung von KI im Alltag benannt: von Datenschutz über die der Technik inhärenten Umweltproblematiken bis hin zum mutmaßlichen Verlust der Fähigkeit des kritischen Denkens und selbstständigen Arbeitens.

Die Studierenden erproben ihren eigenen „Convivial Commens Congress“ (Z/KU Berlin).
Die Studierenden erproben ihren eigenen „Convivial Commens Congress“.

Soziale Systeme/ Teilhabe nichtmenschlicher Akteure

Im Mittelpunkt der Station von Dr. Tim Pickartz, Kurator für Vermittlung und Diskurs im MGGU, stand die Frage, wie nichtmenschliche Akteure an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen beteiligt werden können und welche Rolle KI dabei spielt. Ausgangspunkt waren zwei künstlerische Arbeiten der Ausstellung. Anhand von Andreas Greiners „Garden Protocol“ diskutierten die Studierenden, wie eine KI die begrenzte Ressource Wasser zwischen drei Akteur*innen – Pflanzen, der Museumsdirektorin und den Prozessoren, auf denen die KI selbst betrieben wird – verteilt. Dabei wurden grundlegende Fragen nach Datensicherheit und Privatsphäre, dem Ressourcenverbrauch digitaler Technologien sowie nach Fairness und Verteilungsgerechtigkeit aufgeworfen.

In der Arbeit „Convivial Commens Congress“ des Z/KU Berlin erprobten die Teilnehmenden anschließend selbst, wie Large Language Models als Stellvertreter nichtmenschlicher Akteure eingesetzt werden können. Hierfür entwickelten sie Prompts für selbst gewählte Akteure wie Fledermäuse, Platanen oder den Main, indem sie deren Bedürfnisse, Wissensgrundlagen und Ausdrucksformen definierten. Auf dieser Basis führten sie eine Debatte über konkrete politische Fragestellungen aus der Region, etwa den möglichen Bau eines Rechenzentrums in Maintal. Die praktische Auseinandersetzung warf die Frage auf, ob KI nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Medium dienen kann, um neue Perspektiven auf gesellschaftliche Entscheidungsprozesse zu eröffnen und die Interessen nichtmenschlicher Akteure sichtbar und verhandelbar zu machen.

Die Studierenden tauchen ein in virtuelle Welten.
Die Studierenden tauchen ein in virtuelle Welten.

Künstliche Systeme/ Mensch-Maschine-Beziehungen

An Station drei ging es für die Studierenden mit Dr. Ulrike Mascher und David Fernes (studiumdigitale) in die virtuelle Realität (VR). Nach einer kurzen Einführung in die Nutzung der VR-Headsets tauchten die Teilnehmenden ein in virtuelle Welten: Mit interaktiven Minispielen und beim Tanzen mit einem kleinen Roboter erlebten sie Mensch-Maschine-Beziehungen. In einer anschließenden Diskussionsrunde tauschten sie sich über ihre Erfahrungen aus und hielten diese in One-Minute-Papern fest, in die auch die anderen Workshoperlebnisse einflossen.

Die Studierenden beim Schreiben ihrer One-Minute-Paper.
Die Studierenden beim Schreiben ihrer One-Minute-Paper.

Feedback der Studierenden

Schlaglichter aus den One-Minute Papern der Studierenden geben einen guten Einblick in die Erfahrungen der Studierenden: Ihre Sicht auf die Ausstellung war sehr positiv, sie „bringt einen zum vertieften Nachdenken“, „fordert die eigenen Ansichten heraus“, „der Besuch war sehr interessant und hat Spaß gemacht“, so das Feedback der Teilnehmenden. Den Workshop sahen sie als Möglichkeit, „KI und ihre vielfältige Nutzung besser kennenlernen zu können“ sowie „die oft unbewusste Verbindung von Mensch, Natur und Technologie wahrzunehmen“.

Auch das Eintauchen in VR wurde als sehr positiv wahrgenommen, so bemerkte ein Teilnehmer, er könne sich vorstellen, später selbst in der Schule damit zu arbeiten, für eine andere Teilnehmerin haben sich dadurch ganz neue Perspektiven auf Technik eröffnet: „Im Unterricht könnte man so die Inhalte besser verbildlichen und einen Zugang für alle Schüler*innen schaffen“, schrieb sie. Gleichzeitig wurden auch kritische Aspekte deutlich, so wies eine Teilnehmerin auf die Gefahr des Sich-Verlierens in virtuellen Welten hin, ein anderer Teilnehmer betonte, dass es beim Einsatz von KI auch notwendig sei, Grenzen zu setzen.

In sehr angeregten und vielschichtigen Diskussionen loteten die Studiereden mögliche Allianzen und Verbindungen von sozialen, natürlichen und künstlichen Systemen aus, immer auch mit dem Blick auf die eigene Zukunft nach dem Studium. Der Workshop bot damit ebenso wie die Ausstellung ein Experimentierfeld, in dem Beziehungen nicht nur betrachtet, sondern aktiv erprobt werden konnten.

Die Ausstellung „Multispezies Members Club Neue Allianzen zwischen lebendigen und künstlichen Systemen“ läuft noch bis zum 6. September 2026. Der Eintritt ist für alle Inhaber*innen der Goethe-Card frei.

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